| Der von Wasserfällen, urwüchsigen Buchenwäldern und schroffen Felsszenerien geprägte Schluchtabschnitt des Ilsetals von Ilsenburg bis hinauf zu den Ilsefällen ist eines der naturschönsten Harztäler. Er liegt teils an der Grenze des Nationalparks Hochharz und teils im Naturschutzgebiet Rohn- und Westerberg, zu dem auch die Hänge und Felsen beidseits des Tals gehören, darunter der 150 m senkrecht aus dem Tal aufragende Ilsestein, einer der schönsten Aussichtspunkte des Harzes. Der Schluchtabschnitt des Ilsetals zählt auch aus botanischer und geologischer Sicht zu den interessantesten Harztälern. Den teilweise geländergesichert geführten Heinrich-Heine-Weg begleiten schroffe Granitwände und von Moosen und Flechten besiedelte Felsen, alles überdacht von einem artenreichen Mischwald.
Der klassische Brockenaufstieg durch das naturschöne Ilsetal ist benannt nach dem Dichter der »Harzreise«, allerdings beging dieser die Strecke im Jahr 1824 nicht im Auf-, sondern im Abstieg. Im Aufstieg wird diese Route alljährlich im Rahmen des Brockenlaufs begangen (26 km, Rückroute durch das Ilsetal).
Im September 1824 brach der Jurastudent Heine in Göttingen zu einer Weitwanderung auf, die er unter dem Titel »Harzreise« zu einer der bekanntesten Wanderschilderungen deutscher Sprache verarbeitete. Die Tour führte ihn über Northeim, Osterode, Clausthal und Goslar auf den Brocken, den er am 20. September erreichte; der Abstieg in den Unterharz erfolgte via Ilse-, Bode- und Selketal, nach dem Besuch von Rübeland verließ Heine den Harz, ein Besuch bei Goethe am 2. Oktober markierte den Abschluss der Wanderung.
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Heinrich Heine beschreibt den Abstieg vom Brocken durch das Ilsetal in seiner »Harzreise« so:
»Nun machten auch die Studenten Anstalt zum Abreisen, die Ranzen wurden geschnürt, die Rechnungen, die über alle Erwartung billig ausfielen, berichtigt, die empfänglichen Hausmädchen, auf deren Gesichtern die Spuren glücklicher Liebe, brachten, wie gebräuchlich ist, die Brockensträußchen, halfen solche auf die Mützen befestigen, wurden dafür mit einigen Küssen oder Groschen honoriert; und so stiegen wir alle den Berg hinab, indem die einen, wobei der Schweizer und Greifswalder, den Weg nach Schierke einschlugen, und die andern, ungefähr zwanzig Mann, wobei auch meine Landsleute und ich, angeführt von einem Wegweiser, durch die so genannten Schneelöcher hinabzog nach Ilsenburg.
Das ging über Hals und Kopf. Hallesche Studenten marschieren schneller als die östreichische Landwehr. Ehe ich mich dessen versah, war die kahle Partie des Berges mit den darauf zerstreuten Steingruppen schon hinter uns, und wir kamen durch einen Tannenwald, wie ich ihn den Tag vorher gesehen. Die Sonne goss schon ihre festlichsten Strahlen herab und beleuchtete die humoristisch bunt gekleideten Burschen, die so munter durch das Dickicht drangen, hier verschwanden, dort wieder zum Vorschein kamen, bei Sumpfstellen über die quer gelegten Baumstämme liefen, bei abschüssigen Tiefen an den rankenden Wurzeln kletterten, in den ergötzlichsten Tonarten emporjohlten, und ebenso lustige Antwort zurückerhielten von den zwitschernden Waldvögeln, von den rauschenden Tannen, von den unsichtbar plätschernden Quellen und von dem schallenden Echo. Wenn frohe Jugend und schöne Natur zusammenkommen, so freuen sie sich wechselseitig.
Je tiefer wir hinabstiegen, desto lieblicher rauschte das unterirdische Gewässer, nur hier und da, unter Gestein und Gestrippe, blinkte es hervor, und schien heimlich zu lauschen, ob es ans Licht treten dürfe, und endlich kam eine kleine Welle entschlossen hervorgesprungen. Nun zeigt sich die gewöhnliche Erscheinung: ein Kühner macht den Anfang, und der große Tross der Zagenden wird plötzlich, zu seinem eigenen Erstaunen, von Mut ergriffen, und eilt, sich mit jenem ersten zu vereinigen. Eine Menge anderer Quellen hüpften jetzt hastig aus ihrem Versteck, verbanden sich mit der zuerst hervorgesprungenen, und bald bildeten sie zusammen ein schon bedeutendes Bächlein, das in unzähligen Wasserfällen, und in wunderlichen Windungen, das Bergtal hinabrauscht. Das ist nun die Ilse, die liebliche, süße Ilse. Sie zieht sich durch das gesegnete Ilsetal, an dessen beiden Seiten sich die Berge allmählich höher erheben, und diese sind, bis zu ihrem Fuße, meistens mit Buchen, Eichen und gewöhnlichem Blattgesträuche bewachsen, nicht mehr mit Tannen und anderm Nadelholz. Denn jene Blätterholzart wird vorherrschend auf dem »Unterharze«, wie man die Ostseite des Brockens nennt, im Gegensatz zur Westseite desselben, die der »Oberharz« heißt, und wirklich viel höher ist, und also auch viel geeigneter zum Gedeihen der Nadelhölzer.
Es ist unbeschreibbar, mit welcher Fröhlichkeit, Naivetät und Anmut die Ilse sich hinunterstürzt über die abenteuerlich gebildeten Felsstücke, die sie in ihrem Laufe findet, sodass das Wasser hier wild emporzischt oder schäumend überläuft, dort aus allerlei Steinspalten, wie aus tollen Gießkannen, in reinen Bögen sich ergießt, und unten wieder über die kleinen Steine hintrippelt, wie ein munteres Mädchen. Ja, die Sage ist wahr, die Ilse ist eine Prinzessin, die lachend und blühend den Berg hinabläuft. Wie blinkt im Sonnenschein ihr weißes Schaumgewand! Wie flattern im Winde ihre silbernen Busenbänder! Wie funkeln und blitzen ihre Diamanten! Die hohen Buchen stehen dabei gleich ernsten Vätern, die verstohlen lächelnd dem Mutwillen des lieblichen Kindes zusehen; die weißen Birken bewegen sich tantenhaft vergnügt, und doch zugleich ängstlich über die gewagten Sprünge; der stolze Eichbaum schaut drein wie ein verdrießlicher Oheim, der das schöne Wetter bezahlen soll; die Vögelein in den Lüften jubeln ihren Beifall, die Blumen am Ufer flüstern zärtlich: Oh, nimm uns mit, nimm uns mit, lieb Schwesterchen! - aber das lustige Mädchen springt unaufhaltsam weiter, und plötzlich ergreift sie den träumenden Dichter, und es strömt auf mich herab ein Blumenregen von klingenden Strahlen und strahlenden Klängen, und die Sinne vergehen mir vor lauter Herrlichkeit, und ich höre nur noch die flötensüße Stimme:
[Gedicht: »Ich bin die Prinzessin Ilse«]
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